Neue Siedlungsbefunde der Glockenbecherkultur aus Ergolding

Abb.1: Glockenbecherzeitliche Fundstellen im Umkreis der Grabung 2012.
Abb. 2: Gesamtplan der Grabung „Aktivurlaub Archäologie“ 2012 mit den Grundrissen der Pfostenbauten Gebäude 1 und Gebäude 2 sowie der glockenbecherzeitlichen Siedlungsgrube Befund 1.
Abb. 3: Der Vierpfostenbau des Gebäudes 1 im Oberflächenplanum.
Abb. 4: Befund 1 während der Grabung.
Abb. 5: Profilzeichnung des Schnittes A-L des Befundes 1.
Abb. 6: Verziertes Randfragment einer T-Randschale der Glockenbecherkultur aus Befund 1.

Markt Ergolding, Lkr. Landshut, Niederbayern 
Christian Konrad Piller/ Thomas Richter 

Im Rahmen der Veranstaltung „Aktivurlaub Archäologie in Niederbayern“ fanden im August 2012 archäologische Ausgrabungen auf einem Feld nahe Ergolding statt. Die Grabungsfläche liegt am nördlichen Rand einer sich von Altdorf bis Essenbach erstreckenden, lößbedeckten Hochterrasse der Isar, die seit der Linienbandkeramik zur Anlage von Siedlungen genutzt wurde. In den letzten Jahrzehnten konnten auf dieser Lößterrasse neben einer verhältnismäßig großen Anzahl glockenbecherzeitlicher Gräber an drei Stellen auch Siedlungsgruben dieser Zeitstellung aufgedeckt werden (Abb. 1). 

Bereits 1904 publizierte J. Pollinger eine glockenbecherzeitliche Siedlungsgrube aus Altheim, Gem. Essenbach. In den 1970er Jahren wurden dann beim Bau einer Abwasser- bzw. Gasleitung in Altdorf und Ergolding zwei weitere glockenbecherzeitliche Siedlungsgruben angeschnitten. Der Ergoldinger Befund von 1976 liegt nur etwa 500 m von der neuen Fundstelle entfernt. 

An der aktuellen Grabungsstelle wurde seit den 1970er Jahren durch Sammelfunde eine urnenfelderzeitliche Siedlung vermutet. Da der Eigentümer des Feldes dem Grabungsteam die Möglichkeit gab, die Lage der Sondageschnitte frei zu wählen, legte man die Grabungsfläche auf einer schwach ausgeprägten Kuppensituation oberhalb des im Norden anschließenden Feldbaches an. Im Zuge einer insgesamt dreiwöchigen Grabung konnten neben der hier behandelten großen Siedlungsgrube (Befund 1) und einer kleineren Grube auch 27 Pfostenlöcher aufgedeckt werden (Abb.2). 

Der Großteil der Pfostengruben konnte zwei Gebäuden zugeordnet werden. Bei Gebäude 1 handelt es sich um einen regelmäßigen, beinahe quadratischen Vierpfostenbau mit einer Seitenlänge von etwa 3 m (Abb.3).  

Das größere Gebäude 2 (Abb.2) weist eine annähernd rechteckige Form von etwa 8 m mal 9 m auf. Innen- oder Mittelpfosten konnten - abgesehen von einer unregelmäßigen Pfostenkonzentration im nordwestlichen Bereich des Gebäudes - nicht festgestellt werden. In zahlreichen Pfostengruben fanden sich zerscherbte Keramikfragmente, seltener verziegelter Lehm sowie vereinzelt Knochen- bzw. Zahnfragmente. Aufgrund der kleinteiligen Erhaltung der Keramik und des Fehlens chronologisch relevanter Verzierungen gestaltet sich eine exakte Datierung der Pfostengruben als schwierig. Anhand ihrer Machart und der durch kleine Steinchen deutlich gröberen Magerung unterscheidet sich die Keramik aus den Pfostengruben jedoch von der aus der großen Siedlungsgrube Befund 1. Interessanterweise stimmt jedoch die Längsausrichtung des Befundes 1 in etwa mit der Orientierung des größeren Gebäudes überein.

Aus Pfostenstellungen bestehende Hausgrundrisse der Glockenbecherkultur stellen immer noch eine große Seltenheit dar. Einen einheitlichen Gebäudetyp scheint es nach bisherigem Kenntnisstand nicht gegeben zu haben. Neben bootsförmigen kommen auch annähernd rechteckige Grundrisse vor. Interessant ist der Vergleich des aus Ergolding vorliegenden Befundes zu einem einschiffigen Hausgrundriss aus Landau Süd-Ost, der nach Interpretation des Ausgräbers glockenbecherzeitlich datiert werden könnte. Nahe bei diesem Hausgrundriss fand sich auch hier ein wohl ursprünglich aus vier Pfostenstellungen bestehendes,rechteckiges Nebengebäude. Wenn auch der Grundriss des Hauptgebäudes jeweils unterschiedlich ist, ähneln sich die Befunde aus Landau und Ergolding sowohl in Kombination von Haupt- und Nebengebäude sowie im Fehlen von Mittelpfosten innerhalb des Haupthauses. Eine eindeutige Zuordnung der beiden Hausgrundrisse in die Zeit der Glockenbecherkultur ist jedoch nicht möglich.

Ein sicherer Siedlungsbefund der Glockenbecherkultur ist hingegen Befund 1, eine an der Oberfläche unregelmäßig geformte größere Grube. Wie bei Siedlungsgruben dieser Zeitstellung häufig zu beobachten, entstand sie vermutlich aus verschiedenen, sich überlappenden kleineren Gruben. Dafür sprechen sowohl die abgerundeten Ausbuchtungen als auch die annähernd spitzen Einzüge an der Oberfläche. Um die ursprünglichen Einzelgruben möglichst vollständig zu erfassen, wurde das Planum segmentförmig in mehreren Schritten abgetieft (Abb.4).

Aufgrund der einheitlichen Verfärbung und Verfüllung des Befundes war es jedoch nicht möglich, die vermuteten Einzelbefunde eindeutig zu trennen (Abb.5). 

Dieser Befund lieferte im Gegensatz zu anderen Siedlungsgruben der Glockenbecherzeit mit reichlich Keramik vergleichsweise wenig Material. Interessanterweise befanden sich die meisten Keramikfunde in einer Tiefe von ca. 25-35 cm unter Planum 1. In tieferen Lagen wurden abgesehen von einigen fragmentierten Knochen kaum Funde gemacht. So genannte Wirtschaftsware ist im Fundmaterial nicht enthalten. Bei der gefundenen Keramik handelt es sich fast ausnahmslos um relativ dünnwandige, meist orange bis rötlich gefärbte Ware mit feiner mineralischer Magerung. Die wenigen verzierten Scherben lassen sich gut in das Spektrum der Glockenbecherkeramik einordnen, ebenso die zusammengehörigen Fragmente eines Gefäßes mit s-förmig geschwungenem Profil in dunkelgrauer Ware. Bemerkenswert ist der Fund einer verzierten Randscherbe. Sie stammt von einer so genannten T-Randschale, einer der Leitformen der Glockenbecherkultur (Abb.6).  

Das Fragment aus Befund 1 ist mit einer geometrischen Verzierung versehen, wie dies in seltenen Fällen auch bei anderen Schalen dieser Zeitstufe bekannt ist. Ein weiteres Schalenfragment mit Knubbe lässt sich ebenfalls sehr gut in das Formenspektrum der Glockenbecherkultur einpassen.

Die zweite Grube der Grabungsfläche war von länglich-ovaler Form und nur noch sehr flach erhalten. Die einzige daraus geborgene Keramikscherbe entspricht in ihrer Machart den Funden aus der großen Siedlungsgrube. Aufgrund der fehlenden Verzierung ist eine eindeutige Bestimmung jedoch nicht möglich.

Mit dem hier vorgestellten Befund 1 liegt eine weitere der bis heute selten ergrabenen Siedlungsgruben der Glockenbecherkultur vor. Wenn auch an der Datierung der Grube kein Zweifel besteht, so ist doch eine exakte Einordnung in die feinchronologische Sequenz der Glockenbecherkultur erst im Rahmen einer ausführlichen Ausarbeitung der Funde möglich. Auch im Hinblick auf die Keramik aus den Pfostengruben wäre eine genauere wissenschaftliche Auswertung empfehlenswert. So könnte die Frage geklärt werden, ob die Gebäude zeitgleich mit der Siedlungsgrube existierten. Wäre dies der Fall, läge aus Ergolding ein weiterer der bisher äußerst spärlich vorhandenen Hausgrundrisse der Glockenbecherkultur im südbayerischen Raum vor.

Literaturhinweise

R. Christlein, Neue Funde der Glockenbecherkultur in Niederbayern, Jahresberichte des Historischen Vereins Straubing 79, 1976, 35-75.

B. Engelhardt, Kurze Einführung in die Glockenbecherkultur. In: K. Schmotz (Hrsg.), Vorträge des 9. Niederbayerischen Archäologentages, Buch am Erlbach 1991, 65-84.

V. Heyd, Die Spätkupferzeit in Süddeutschland, Saarbrücker Beiträge zur Altertumskunde 73, Bonn 2000.

V. Heyd, L. Husty, L. Kreiner, Siedlungen der Glockenbecherkultur in Süddeutschland und Mitteleuropa, Arbeiten zur Archäologie Süddeutschlands 17, Büchenbach 2004. 

 
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