Aktivurlaub Archäologie in Niederbayern, Grabung 2014: Eine Siedlungsgrube der Münchshöfener Kultur in Aich bei Altdorf

Abb. 1: Blick von Süden über die Grabungsfläche. Im hinteren Bereich ist Befund 10 als große dunkle Verfärbung zu erkennen (Foto C. Piller).
Abb. 2: Befund 10, Sondage 2, Profil West. Einzelne Gruben innerhalb des Befundes mit Lößeinschwemmungen im unteren Bereich (Foto C. Piller).
Abb. 3: Befund 10, Sondage 1. Randfragmente einer Fußschale der Münchshöfener Kultur in situ. (Foto C. Piller).
Abb. 4: Verziertes Randfragment einer Fußschale der Münchshöfener Kultur aus Befund 10 (Foto C. Piller).
Abb. 5: Fußschale der Münchshöfener Kultur aus Tiefenbach, Lkr. Landshut (nach Eibl/Koch 2010, Abb. 24,5).
Abb. 6: Henkel eines Zylinderhalstopfes mit verziertem Rand aus Befund 10 (Foto C. Piller).
Abb. 7: Stichverzierte Scherben der Münchshöfener Kultur aus Befund 10 (Foto C. Piller).
Abb. 8: Bearbeitete Silexfunde aus Befund 10. Links: Klinge aus dunkel gebändertem Arnhofener Silex; rechts: fragmentierte Pfeilspitze auf hellgrauem Silex.
Abb. 9: Bronzemesser der Urnenfelderkultur (Lesefund U. Engländer, Foto C. Piller).

von Christian Konrad Piller 

Im August 2014 fand im Rahmen der Veranstaltung „Aktivurlaub Archäologie in Niederbayern“ eine vierwöchige Grabungskampagne in Aich bei Altdorf statt. Dabei handelte es sich um eine direkte Erweiterung der bereits 2013 untersuchten Fläche. Da diese vor allem in ihrem nördlichen Bereich eine hohe Befunddichte aufgewiesen hatte, entschloss man sich dazu, die Sondage 2014 im Anschluss daran anzulegen. Der Oberbodenabtrag lieferte allerdings andere Ergebnisse als erwartet. Neben einigen Pfostenlöchern, die vielleicht in Zusammenhang mit den Befunden der Grabung 2013 stehen könnten, nahm Befund 10 mit einer nord-südlichen Ausdehnung von annähernd fünfzehn Metern einen Großteil der freigelegten Fläche ein (Abb. 1).

Die Ränder dieser ungewöhnlich großen Grube konnten jeweils im Süden, Osten und Norden vollständig erfasst werden, während der westliche Abschluss sich außerhalb der Grabungsgrenzen befand und dementsprechend nicht untersucht wurde. An der Oberfläche waren nach Oberbodenabtrag und Nachputzen keine Unterteilungen des Befundes in verschiedenen Einzelgruben zu erkennen. Deshalb entschloss sich die Grabungsleitung in Absprache mit der Kreisarchäologie dazu, mehrere Suchschnitte durch den Befund anzulegen. Auch beim Abtiefen konnten zunächst aufgrund der einheitlichen dunkel- bis schwarzbraunen Verfärbung und der humos-lehmigen Konsistenz der Verfüllung keine Einzelbefunde erkannt werden. In den Profilen zeigte sich dann allerdings, dass sich Befund 10 wie erwartet aus mehreren kleineren Gruben zusammensetzte (Abb. 2). Diese ließen sich aber weder über die Verfüllung noch über die Funde eindeutig trennen, weswegen das Fundmaterial der Schnitte und der Restentnahme lediglich in verschiedenen Abstichen nach Tiefe aufgegliedert werden konnte.

Die Funde bestanden hauptsächlich aus kleinteilig zerscherbten, schlecht erhaltenen Keramikfragmenten, die anfangs lediglich eine allgemeine Datierung in die vorgeschichtliche Zeit erlaubten. Durch mehrere verzierte Scherben deutete sich im Laufe der Grabungen dann aber überraschend eine Datierung in die jungneolithische Münchshöfener Kultur an, die ca. zwischen 4500 und 3900/3800 v.Chr. einzuordnen ist (zusammenfassend Probst 1991, 211-212).

Bei genauerer Betrachtung zeigte sich, dass die verschiedenen unverzierten Keramikfunde gut in den Bereich der Münchshöfener Kultur passen. Dies trifft gleichermaßen auf orange-rötliche Scherben mit relativ grober mineralischer Magerung und nicht geglätteter Oberfläche (Böhm 2002, 236) sowie auf graue, graubraune bis grauschwarze Ware mit feiner mineralischer Magerung und geglätteter bzw. „geschmauchter“ Oberfläche (Süss 1976, 6) zu. Einige Scherben waren mit Knubben und (meist vertikalen, z.T. aber auch horizontalen) Henkeln versehen, was dem allgemeinen Erscheinungsbild der Münchshöfener Kultur ebenfalls gut entspricht.

Eindeutig der Münchshöfener Kultur zugeordnet werden können mehrere größere Fragmente einer Fußschale, die am Rand und am Gefäßumbruch mit schrägen Einkerbungen versehen wurde (Abb. 3-4). Hierbei handelt es sich um eine der Leitformen der Münchshöfener Kultur, die in zahlreichen Befunden dieser Zeitstellung in Niederbayern vorhanden ist (Abb. 5).

Aus dem gleichen Befund stammt auch eine am Rand mit Einkerbungen versehene Scherbe eines Zylinderhalstopfes, die hinsichtlich Warenart, Henkelform und Randverzierung ebenfalls als Variante einer Leitform der Münchshöfener Kultur zu betrachten ist (Abb. 6). Gleiches gilt für ein unverziertes Fragment einer Pilzschulterflasche.

Unter den verzierten Keramikfunden sind ein Fragment in grauer Ware mit flüchtig ausgeführtem Furchenstich und zwei zusammengehörige Scherben in ockerfarbener Ware mit feinem, mehrzinkig gestochenem Muster (Abb. 7) zu erwähnen. Diese Funde können als Hinweis für eine zeitliche Einordnung des Grubenkomplexes in die späte Münchshöfener Kultur gewertet werden (Böhm 2002, 236).

Neben den Keramikfragmenten fanden sich in Befund 10 vereinzelt auch Silexartefakte. Dies passt zu der bereits an anderen Fundorten beobachteten „relativen Silexarmut in Münchshöfener Zusammenhängen“ (Kreiner 2009, 135). Neben unbearbeiteten Fragmenten und Abschlägen fanden sich unter anderen ein Messer aus dunkel gebändertem Arnhofener Silex sowie eine kleine Pfeilspitze mit abgebrochener Spitze aus hellgrauem Material (Abb. 8), die gute Vergleiche in einer Bestattung der Münchshöfener Kultur in Oberschneiding/Lkr. Dingolfing-Landau findet (Koch 1007, 22 Abb. 20).

Befund 10 stellt einen großen Komplex aus mehreren Gruben dar, wie er bisweilen in Siedlungsbereichen der Münchshöfener Kultur vorkommt (Böhm 2002, 239 spricht eindrücklich von einer „amorphen Wanne in Lehm“). Es dürfte sich um eine Ansammlung so genannter Lehmentnahmegruben handeln. Das daraus entnommene Material wurde vermutlich zum Abdichten von Flechtwerkwänden und zum Erbauen von Öfen verwendet. Im Laufe der Verfüllung gelangten immer wieder Artefakte aus entsprechenden Periode in die offen stehenden Gruben.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass an der Datierung des Befundes 10 in die Münchshöfener Kultur nicht zu zweifeln ist. Durch verschiedene Hinweise deutet sich an, dass eine Eingrenzung auf die jüngere Phase dieser Kulturgruppe, also in das ausgehende 5. oder beginnende des 4. Jt. v.Chr., wahrscheinlich ist (zur absoluten Datierung siehe Stöckli 2009, 147).

Sonderbestattungen in Siedlungsgruben, wie sie des Öfteren in entsprechenden Befunden der Münchshöfener Kultur (Böhm 2002, 239-240; umfassend Meixner 2009), unter anderem in der östlich an die derzeitige Grabungsfläche anschließenden Flur „Im Kleinfeld“ auftauchen (Böhm/Stöttner/Weigl 1998), konnten in dem ergrabenen Teil von Befund 10 nicht festgestellt werden.

Abschließend ist noch ein bemerkenswerter Lesefund zu erwähnen, der von einem der Grabungstouristen nördlich der Grabungsfläche beim Gang zur mobilen Toilette an der Oberfläche des Feldes aufgesammelt wurde (Abb. 9). Es handelt sich um ein geringfügig beschädigtes, aber ansonsten gut erhaltenes Bronzemesser. Aufgrund der Gesamtform bietet sich für diesen Fund eine Zeitstellung in der Urnenfelderzeit an. Ein guter Vergleich stammt aus einem Grabfund in Ergolding und befindet sich derzeit in der archäologischen Ausstellung der Residenz Landshut (Niehoff 2005, 47 Abb. 47).

Weiterführende Literaturhinweise

K. Böhm, 125 Jahre Münchshöfen, in: K. Schmotz (Hrsg.), Vorträge des 20. Niederbayerischen Archäologentages, Rahden 2002, 227-244.

K. Böhm/R. Pielmeier, Der älteste Metallfund Altbayerns in einem Doppelgrab der Münchshöfener Gruppe aus Straubing, Das Archäologische Jahr in Bayern 1993, Stuttgart 1994, 40-42.

K. Böhm/E. Stöttner/M. Weigl, Eine Münchshöfener Mehrfachbestattung von Aich, Das Archäologische Jahr in Bayern 1997, Stuttgart 1998, 46-48.

F. Eibl/H. Koch, Neue Befunde der Münchshöfener Kultur aus Tiefenbach, Das Archäologische Jahr in Bayern 2009, Stuttgart 2010, 23-26.

L. Husty/D. Meixner, Ein neues Münchshöfener Grabenwerk in Riedling, Gde. Oberschneidung, Lkr. Straubing-Bogen – Erster Vorbericht zu den archäologischen Grabungen des Jahres 2007, in: K. Schmotz (Hrsg.), Vorträge des 27. Niederbayerischen Archäologentages, Rahden 2009, 29-64.

D. Meixner, Ausnahme oder Regel – Zum Phänomen der Münchshöfener Bestattungen, in: K. Schmotz (Hrsg.), Vorträge des 27. Niederbayerischen Archäologentages, Rahden 2009, 91-144.

D. Meixner/K. Riedhammer, Vorm Schirmständer zur Fußschale. Gedanken zum Übergang vom Mittel- zum Jungneolithikum in Bayern anhand einer besonderen Gefäßgattung, in: L. Husty, M. Rind, K. Schmotz (Hrsg.), Zwischen Münchshöfen und Windberg. Gedenkschrift für Karl Böhm, Internationale Archäologie 29, Rahden 2009, 93-108.

H. Koch, Reguläre Bestattungen der Münchshöfener Kultur aus Dingolfing und Oberschneiding, Das Archäologische Jahr in Bayern 2006, Stuttgart 2007, 20-22.

L. Kreiner, Ein Grabenwerk der Münchshöfener Kultur im Süden von Landau a.d. Isar, in: L. Husty, M. Rind, K. Schmotz (Hrsg.), Zwischen Münchshöfen und Windberg. Gedenkschrift für Karl Böhm, Internationale Archäologie 29, Rahden 2009, 131-140.

E. Neumair, Bedeutende Siedlungsfunde der Münchshöfener Kultur aus Murr, Das Archäologische Jahr in Bayern 1996, Stuttgart 1997, 43-45.

E. Probst, Deutschland in der Steinzeit. Jäger, Fischer und Bauern zwischen Nordseeküste und Alpenraum, München 1991.

W. Stöckli, Chronologie und Regionalität des jüngeren Neolithikums (4300-2400 v.Chr.) im Schweizer Mittelland, in Süddeutschland und in Ostfrankreich, Antiqua 45, Basel 2009.

L. Süss, Zur Münchshöfener Gruppe in Bayern, in: H. Schwabedissen (Hrsg.), Die Anfänge des Neolithikums vom Orient bis Nordeuropa, Teil Vb. Westliches Mitteleuropa, Fundamenta Reihe A Band 3, Köln/Wien 1976, 1-121.

 
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