Aktivurlaub Archäologie in Niederbayern, Grabung 2015: Neue Erkenntnisse zur Münchshöfener Kultur in Altdorf

      

von Christian Konrad Piller

Schon seit Längerem war bekannt, dass sich auf der fruchtbaren Lössterrasse im Bereich zwischen dem Markt Altdorf und der Stadt Landshut vorgeschichtliche Bodendenkmäler befinden. Als in diesem Bereich die Planungen zum Bau einer Umgehungsstraße konkrete Formen annahmen, wurden bauvorgreifende archäologische Untersuchungen notwendig, die in den Jahren 2010 und 2011 von einer privaten Grabungsfirma durchgeführt wurden. Hierbei konnten vor allem jungsteinzeitliche Siedlungsspuren festgestellt werden. Von besonderer Bedeutung waren mehrere Körpergräber aus der Zeit der Altheimer Kultur und der Schnurkeramischen Kultur (Koch 2012).

Die Ergebnisse dieser Grabungen gaben Anlass zu der Vermutung, dass auch in den angrenzenden Bereichen archäologisch relevante Bodendenkmäler vorhanden sind. Daher wurde hier im Juli und August 2015 eine vierwöchige Sondagegrabung im Rahmen der Veranstaltung „Aktivurlaub Archäologie in Niederbayern“ durchgeführt, um nähere Informationen hierzu zu erhalten.

Bereits zu Beginn der Arbeiten vor Ort konnte an der Oberfläche das Fragment einer Platte aus Arnhofener Silex aufgelesen werden, das wohl mit der neolithischen bzw. frühkupferzeitlichen Nutzung des Areals in Verbindung stehen dürfte. Nach dem maschinellen Oberbodenabtrag zeigten sich dann tatsächlich mehrere dunkle Verfärbungen, die als archäologische Strukturen zu interpretieren waren (Abb. 1-2). Bei zwei Befunden handelte es sich um ehemalige Pfostenstellungen. Funde konnten zwar nicht gemacht werden, doch ist aufgrund des Gesamteindrucks an einer vorgeschichtlichen Zeitstellung wohl nicht zu zweifeln. In der Nähe befand sich eine kleine Grube mit größeren Konzentrationen verziegelten Lehms. Vermutlich handelt es sich um eine ehemalige Ofenanlage. Die Keramikfunde lassen sich leider nicht näher einordnen, ermöglichen aber eine eindeutige Datierung in die vorgeschichtliche Zeit. Ein weiterer Befund enthielt in der Einfüllung zahlreiche kleinere Holzkohlepartikel. Auch hier bieten die kleinteilig zerscherbten und unverzierten Keramikfunde kein klares Bild.

Die ohne Zweifel bedeutendste archäologische Struktur der 2015 untersuchten Fläche war Befund 1. Hierbei handelt es sich um eine relativ große, dunkel- bis schwarzbraune Verfärbung, deren Ränder im Norden, Südwesten und Süden teilweise erfasst werden konnten (Abb. 2-3). Der nordwestliche Bereich des Befundes befand sich außerhalb der Grabungsgrenzen und wurde dementsprechend nicht untersucht, während der westliche Randbereich bereits 2011 im Rahmen der Maßnahme M-2010-737-1 ergraben worden war. Die Grabungsgrenze von 2011 konnte in Planum 1 und mehreren Profilschnitten dokumentiert werden. Dem damaligen Grabungsbericht ist zu entnehmen, dass es sich um einen größeren Grubenkomplex zur Materialentnahme handelte. Funde kamen hauptsächlich aus den oberen Bereichen und bestanden aus neolithischer Keramik und einigen Knochenfragmenten (Kunstmann 2012, 15-16), konnten von den Ausgräbern aber nicht näher eingeordnet werden. Im Verlauf der diesjährigen Maßnahme stellte sich heraus, dass durch die Grabung 2011 im Gegensatz zur Meinung des damaligen Ausgräbers weit weniger als die Hälfte des Befundes ergraben worden war.

An der Oberfläche waren nach dem Oberbodenabtrag und dem Nachputzen des Planums 1 keine Unterteilungen des Befundes in mehrere Einzelgruben zu erkennen. Deshalb entschloss sich die Grabungsleitung in Absprache mit der Kreisarchäologie dafür, ein durchgehendes Längsprofil mit mehreren Querprofilen (jeweils im Abstand von 2 m zueinander) durch den Befund zu legen. Auch beim Abtiefen konnten zunächst aufgrund der einheitlichen Verfärbung und Konsistenz der Verfüllung keine eindeutigen Einzelbefunde erkannt werden, weswegen die Funde aus den einzelnen Schnitten zunächst nach Abstichen von 0,25 m Tiefe getrennt wurden. In den Profilen zeigte sich dann allerdings, dass sich Befund 1 wie erwartet aus mehreren kleineren Gruben zusammensetzte die sich besonders in den tieferen Bereich zum Teil gut trennen ließen (Abb. 4). Insgesamt konnten acht Unterbefunde (Bef. 1-1 bis 1-8) definiert werden. Wenn möglich wurde das Fundmaterial bei der Restbefundentnahme nach Unterbefunden und innerhalb dieser zum Teil nochmals nach Abstichen getrennt (z.B. Bef. 1-3, 1-5, 1-6).

Der Großteil der Keramikfunde besteht aus unterschiedlich großen Fragmenten unverzierter Waren. Das Spektrum reicht von orange-rötlicher Ware mit relativ grober mineralischer Magerung und nicht geglätteter Oberfläche bzw. Schlickerung (wie von Böhm 2002, 236 beschrieben) bis zu grauer, graubrauner bis grauschwarzer Ware mit feiner mineralischer Magerung und geglätteter bzw. „geschmauchter“ Oberfläche (Süss 1976, 6). Graphitmagerung ist ebenfalls vorhanden. Eine größere Anzahl von Bodenfragmenten wies flache Standböden auf, während abgerundete Böden fehlen. In Kombination mit den an einigen Funden zu beobachtenden markanten Wandungsumbrüchen und den applizierten Knubben und Henkeln deutete sich eine mögliche Zeitstellung innerhalb der Münchshöfener Kultur an. Dies wurde durch verzierte Scherben verschiedener Leitformen der Münchshöfener Kultur wie Pilzschultergefäße und Fußschalen bestätigt. Neben eingestochenen Mustern kommen auch eingedrückte Kreise vor (Abb. 5-6). Ein weiteres Keramikfragment besitzt vermutlich Reste eines (schlecht erhaltenen) plastisch applizierten Arkadenrandes, was auf eine Zeitstellung innerhalb der späteren Münchshöfener Kultur hinweisen könnte. Zuletzt sind noch zwei Fragmente von tönernen Schöpfkellen mit Tülle zu nennen (Abb. 7), die als typisches Fundgut dieser Zeitstellung anzusehen sind (Hofmann 2005, 26).

Insgesamt ist demnach an der Datierung des Grubenkomplexes in die Münchshöfener Kultur nicht zu zweifeln. Durch verschiedene Hinweise deutet sich an, dass zumindest einige der Unterbefunde der jüngeren Phase dieser Kulturgruppe zuzuordnen sein dürften (zur absoluten Datierung siehe Stöckli 2009, 147).

Silexartefakte waren – wie auch in vielen anderen Befunden dieser Zeitstellung (Kreiner 2009, 135) – eher selten. Neben zwei retuschierten Abschlägen fand sich eine gut erhaltene Pfeilspitze aus grauem Silex mit leicht eingezogener Basis, die sich durchaus in das Fundspektrum der Münchshöfener Kultur einpassen lässt (Abb. 8). Gute Vergleiche finden sich u.a. in Tiefenbach, Lkr. Landshut (Eibl/Koch 2009) und Oberschneiding, Lkr. Dingolfing-Landau (Koch 2007).

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Grabungen des Jahres 2015 eine Reihe interessanter Ergebnisse erbracht haben. Durch die Entdeckung einer zuvor nicht erkannten Siedlungsgrube der Münchshöfener Kultur zeigt sich, dass der gesamte Bereich des heutigen Marktes Altdorf in dieser Zeit relativ dicht besiedelt gewesen sein dürfte. Außerdem ist damit eine starke zeitlich Nähe zu den 2011 entdeckten Bestattungen der Altheimer Kultur und der Schnurkeramischen Kultur vorhanden, die auf eine durchgehende Nutzung dieses Areals im Laufe des Neolithikums und der Kupferzeit schließen lässt. Eine detaillierte Auswertung der Unterbefunde in Befund 1 im Rahmen einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit könnte zusätzliche Erkenntnisse über die zeitliche Abfolge der Münchshöfener Kultur erbringen. 

Literaturhinweise

Böhm 2002

K. Böhm, 125 Jahre Münchshöfen, in: K. Schmotz (Hrsg.), Vorträge des 20. Niederbayerischen Archäologentages, Rahden 2002, 227-244.

Böhm/Stöttner/Weigl 1998

K. Böhm/E. Stöttner/M. Weigl, Eine Münchshöfener Mehrfachbestattung von Aich, Das Archäologische Jahr in Bayern 1997, Stuttgart 1998, 46-48.

Eibl/Koch 2010

F. Eibl/H. Koch, Neue Befunde der Münchshöfener Kultur aus Tiefenbach, Das Archäologische Jahr in Bayern 2009, Stuttgart 2010, 23-26.

Hofmann 2005

A. Hofmann, Bodenschätze. Die StadtRegion Landshut im Spiegel der archäologischen Abteilung der Museen der Stadt Landshut, Landshut 2005.

H. Koch, Reguläre Bestattungen der Münchshöfener Kultur aus Dingolfing und Oberschneiding, Das Archäologische Jahr in Bayern 2006, Stuttgart 2007, 20-22.

Koch 2013

H. Koch, Grabfunde der schnurkeramischen und der Altheimer Kultur aus Altdorf, Das Archäologische Jahr in Bayern 2012, Stuttgart 2013, 30-31.

Kunstmann 2012

L. Kunstmann, Archäologische Beobachtung des Oberbodenabtrags mit anschließender Grabung neolithischer Siedlungsspuren im Rahmen des Baus einer Ortsumgehung für die Gemeinde Altdorf im Sommer 2011, Grabungsbericht zur Maßnahme M-2010-737-1, 2012 (unpubliziert).

Meixner 2009

D. Meixner, Ausnahme oder Regel – Zum Phänomen der Münchshöfener Bestattungen, in: K. Schmotz (Hrsg.), Vorträge des 27. Niederbayerischen Archäologentages, Rahden 2009, 91-144.

Neumair 1997

E. Neumair, Bedeutende Siedlungsfunde der Münchshöfener Kultur aus Murr, Das Archäologische Jahr in Bayern 1996, Stuttgart 1997, 43-45.

Stöckli 2009

W. Stöckli, Chronologie und Regionalität des jüngeren Neolithikums (4300-2400 v.Chr.) im Schweizer Mittelland, in Süddeutschland und in Ostfrankreich, Antiqua 45, Basel 2009.

Süss 1976

L. Süss, Zur Münchshöfener Gruppe in Bayern, in: H. Schwabedissen (Hrsg.), Die Anfänge des Neolithikums vom Orient bis Nordeuropa, Teil Vb. Westliches Mitteleuropa, Fundamenta Reihe A Band 3, Köln-Wien 1976, 1-121.

Abb. 1: Blick von Nordosten über Altdorf, Flurstücknummer 369/4 vor dem Beginn des Oberbodenabtrages am 23.07.2015 (Foto C. Piller).
Abb. 2: Blick von Norden über Fläche 1 während des Oberbodenabtrages am 23.07.2015. Befund 1 ist als große dunkel- bis schwarzbraune Verfärbung zu erkennen. Die mittelbraune Verfärbung in der unteren linken Becke des Bildes zeigt die Verfüllung der Grabung 2011 (Foto C. Piller).
Abb. 3: Befund 1, Planum 1. Die mittelbraune Verfärbung in der unteren linken Becke des Bildes zeigt die Verfüllung der Grabung 2011 (Foto C. Piller).
Abb. 4: Befund 1, Schnitt 2, Profil M4-M3. Die Unterbefunde 1-3 (links im Profil: steilwandige, tiefere Grube mit schwarzbrauner Verfüllung) und 1-4 (rechts im Profil: flachere, sanft abgerundete Grube mit hellerer Einfüllung) sind aufgrund der unterschiedlichen Verfärbung gut zu erkennen.
Abb. 5: Fz.-Nr. 15. Ritz- und sticherzierte Keramikfragmente der Münchshöfener Kultur aus Befund 1 (Foto C. Piller).
Abb. 6: Mit eingedrückten Ringen verzierte Keramikfragmente der Münchshöfener Kultur aus Befund 1 (Foto C. Piller).
Abb. 7: Fragment eines Schöpflöffels mit Tüllengriff der Münchshöfener Kultur aus Befund 1 (Foto C. Piller).
Abb. 8: Fz.-Nr. 24, 26 und 25. Bearbeitete Silexfunde aus Befund 1 (Foto C. Piller).
 
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