Aktivurlaub Archäologie in Altdorf 2017: von Siedlungsresten, Skelettfunden und fremden Scherben von Christian Konrad Piller

Abb. 1: Die Grabungsfläche vor Beginn des Oberbodenabtrags. Blick von Osten. Foto C. Piller.
Abb. 2: Die Grabungsfläche nach dem maschinellen Oberbodenabtrag. Blick von Osten. Foto C. Piller.
Abb. 3: Die Grabungsfläche nach dem Nachputzen per Hand. Archäologische Befunde sind als dunkle Verfärbungen im hellen Lößlehm zu erkennen. Blick von Nordosten. Foto C. Piller.
Abb. 4: Befund 30 nach dem Putzen des Planums 1. Im Planum sind zahlreiche orangerote Stellen zu sehen, die auf verziegelten Lehm hindeuten. Foto C. Piller.
Abb. 5: Befund 41, Planum 2. Die ehemalige Vorrats- oder Kellergrube wurde mit zahlreichen Brocken verziegelten Lehms verfüllt. Foto C. Piller.
Abb. 6: Befund 41, Profil A-B. Die Lehmbrocken weisen zum Teil erhebliche Größe auf und besitzen oftmals Abdrücke von organischem Material. Foto C. Piller.
Abb. 7: Befund 60. Die fundreiche Kegelstumpfgrube enthielt zahlreiche Fragmente verzierter Keramik der Münchshöfener Kultur (links) und verziegelten Lehm mit Abdrücken (rechts). Foto C. Piller.
Abb. 8: Befund 57. Beil aus geschliffenem Felsgestein, das später als Klopf- oder Arbeitsstein verwendet wurde, wie die hellen Schlagmarken an beiden Enden zeigen. Foto C. Piller.
Abb. 9: Blick von Süden über den östlichen Bereich der Grabungsfläche 2017 mit den Gebäuden 1 und 2. Foto C. Piller.
Abb. 10: Blick von Nordwesten auf die Fundamentgräben der Gebäude 1 und 2. Der erste Eindruck lässt darauf schließen, dass Gebäude 1 von Gebäude 2 überschnitten wird und damit jünger ist. Foto C. Piller.
Abb. 11: Mittelneolithische Hausgrundrisse aus Niederbayern und der südlichen Oberpfalz. Die Reihung von links nach rechts stellt die chronologische Entwicklung von ca. 5000/4900-4600/4500 v.Chr. dar. Nach Riedhammer 2016, 139, Abb. 12.
Abb. 12: Grabungsfläche 2017, östlicher Bereich. Das ältere Gebäude 1 (bestehende aus den Befunden 27, 24 und 36) wird von dem jüngeren Gebäude 2 (Befund 29, evtl. mit zugehöriger Pfostenreihe östlich davon) überlagert. Die beiden menschlichen Skelette fanden sich im nordwestlichen Bereich der Grube Befund 2. Plangrundlage M. Wild, Bearbeitung C. Piller und A. Adaileh.
Abb. 13: Befund 2. Menschliche Skelettreste zweier Individuen während der Ausgrabung. Foto C. Piller.
Abb. 14: Befund 2, Planum 2. Zwei menschliche Skelette in ungewöhnlicher Totenlage. Individuum 1 (links), adulter Mann in Bauchlage; Individuum 2 (rechts), junges weibliches Individuum in Rückenlage. Foto C. Piller.
Abb. 15: Befund 2, Planum 3. Individuum 1. Der obere Teil des Schädels wurde abgepflügt. Der rechte Arm lag ursprünglich unter der Brust und war nach innen angewinkelt. Foto C. Piller.
Abb. 16: Bichrom bemalte Scherben der Mährisch-Ostösterreichischen Gruppe der bemalten Keramik (MOG), Stufe IIa. Foto C. Piller.
Abb. 17: Bemalte Keramik der westlichen Lengyel-Kultur (später: Mährisch-Ostösterreichische Gruppe der bemalten Keramik). Nach Palliardi 1897.
Abb. 18: Befund 32. Keramik der (späten) Münchshöfener Kultur. Links: ritzverzierte Wandscherbe. Rechts: Randscherbe mit so genanntem Arkadenrand. Foto C. Piller.
Abb. 19: Befund 32. Ritzverzierte und weiß inkrustierte Scherben der Pollinger Kultur. Foto C. Piller.
Abb. 20: Keramik der Pollinger Kultur (1-7) und der Münchshöfener Kultur (8-10) aus Riekofen, Lkr. Regensburg. Nach Tillmann 1997, Abb. 4.

Bereits im Jahr 2016 waren bei den Ausgrabungen des Projektes „Aktivurlaub Archäologie in Niederbayern“ am östlichen Ortsrand des Marktes Altdorf zahlreiche vorgeschichtliche Funde und Befunde zum Vorschein gekommen. Neben Siedlungsfunden der jungsteinzeitlichen Gruppe Oberlauterbach (ca. 4800-4500 v.Chr.) konnten auch Befunde der darauf folgenden Münchshöfener Kultur (ca. 4500-3800 v.Chr.) untersucht werden. Einige der Siedlungsgruben der Münchshöfener Kultur erwiesen sich als ausgesprochen fundreich und enthielten neben zahlreichen, oft größeren Fragmenten von Keramikgefäßen auch Werkzeuge aus Tierknochen und Hirschgeweih. Andere Funde stellen vermutlich Importe aus dem böhmisch-mährischen Raum oder dem niederösterreichisch-ungarischen Donaugebiet dar, was auf interessante Fernbeziehungen der neolithischen Siedler in Altdorf hindeutet. Von besonderer Bedeutung ist der Fund einer kleinen Perle aus zusammengerolltem Kupferblech, die als einer der ältesten Metallfunde Bayerns gelten kann und ebenfalls gute Kontakte zu den Regionen südöstlich von Bayern andeutet, wo die Metallverarbeitung während dieser Zeit bereits einen bedeutend höheren Stand erreicht hatte (Adaileh/Piller 2017).

Es bot sich aufgrund dieser zahlreichen interessanten Aspekte daher an, die archäologischen Untersuchungen an dieser Fundstelle auch im Jahr 2017 fortzuführen. Hierzu wurde südlich der 2016 untersuchten Fläche eine weitere Sondage angelegt (Abb. 1-2). Gleich zu Beginn des Oberbodenabtrages kamen im südöstlichen Bereich der neuen Grabungsfläche mehrere Knochen zu Tage, die eindeutig als Teile von menschlichen Skeletten identifiziert werden konnten. Daneben fanden sich zahlreiche, oftmals dunkelbraun verfärbte Strukturen, welche als vorgeschichtliche Siedlungsreste zu interpretieren waren. Hierbei zeigte sich im östlichen und mittleren Bereich eine sehr hohe, im westlichen Bereich der untersuchten Fläche eine eher lockere Befunddichte. Neben mehreren Siedlungsgruben handelt es sich hauptsächlich um Pfostenstellungen und Wandgräben vorgeschichtlicher Langhäuser (Abb. 3).

Bereits bei der Öffnung der ersten Befunde wurde klar, dass man sich zeitlich in einem ähnlichen Rahmen bewegte wie im Vorjahr. Neben verzierten Scherben der mittelneolithischen Gruppe Oberlauterbach und der Münchshöfener Kultur kamen auch zahlreiche bearbeitete Werkzeuge aus Silex (Feuerstein) zum Vorschein. Besonders zu erwähnen ist das Halbfabrikat eines Steinbeils, das in Zweitverwendung offenbar als Klopf- oder Arbeitsstein verwendet worden war, wie die deutlichen Schlagmarken an beiden Enden vermuten lassen (Abb. 8).

Wie bereits im Vorjahr fanden sich mehrere Gruben, die dicht mit zum Teil sehr großen Fragmenten verziegelten Lehms verfüllt worden waren (Abb. 4-6). Dabei handelt es sich um den ehemaligen Wandverputz neolithischer Häuser, der durch Feuereinwirkung gebrannt und ausgehärtet war. Während die Außenseite dieses Wandverputzes gut geglättet war, wiesen die Innenseiten sehr häufig Abdrücke von hölzernen Zweigen oder Ruten auf (Abb. 7). Das keramische Fundmaterial aus diesen Befunden war hauptsächlich der Münchshöfener Kultur zuzuordnen.

Dies ist insofern von Bedeutung, da aus dieser Kulturgruppe bisher kaum Hausgrundrisse bekannt sind. Die Gebäudekonstruktion dieser Periode bleibt daher weitgehend unbekannt. Das Fehlen von Pfostenstellungen und Wandgräben deutet darauf hin, dass die Träger der Münchshöfener Kultur in der Regel darauf verzichteten, bei der Errichtung ihrer Häuser Bauteile in den Boden einzutiefen. Eine mögliche Alternative wäre – ähnlich wie bei Fachwerkhäusern - eine Konstruktion mit Schwellbalken, die kaum oder gar nicht in den Boden eingriffen. Die Wände wurden dann vermutlich mit Zweigen, Ruten oder ähnlichem Material ausgefacht und mit einem an der Außenseite glattgestrichenen Lehmverputz bestrichen. Meist hat sich dieser Verputz über die Jahrtausende nicht oder in nur sehr kleinteiligen Bruchstücken erhalten. In Altdorf besitzen wir nun aus verschiedenen Befunden eine Materialbasis, die es aufgrund des großen Umfanges und der guten Qualität erlaubt, weiterführende Erkenntnisse zu Konstruktion und Aussehen der damaligen Gebäude zu gewinnen. Durch eine ausführliche Untersuchung der entsprechenden Fundstücke könnte ein bedeutender Beitrag zur Diskussion um die Hauskonstruktion der Münchshöfener Kultur geleistet werden.

Im Gegensatz zur Münchshöfener Kultur liegen aus dem vorhergehenden Mittelneolithikum (Stichbandkeramische Kultur und Gruppe Oberlauterbach), also aus der Zeit zwischen etwa 5000/4900 und 4600/4500 v.Chr., zahlreiche Gebäudegrundrisse vor (Abb. 11). Hierbei handelt es sich um Langhäuser, die in der Regel eine Ausrichtung von ungefähr Nordnordwesten nach Südsüdosten aufweisen. Die Wände bestehen größtenteils aus Pfostenreihen, die tief in den Boden eingegraben wurden, während im nordwestlichen Abschnitt an allen drei Seiten statt einer Pfostenkonstruktion durchgehende Wandgräben vorhanden sind (Engelhardt/Riedhammer/Suhrbier 2006; Riedhammer 2016). Die Entwicklung derartiger Langhäuser beginnt in Mitteleuropa bereits mit der Linearbandkeramik im 6. Jt. v.Chr. und setzt sich mit gewissen Veränderungen, aber in weitgehend ungebrochener Tradition auch im Mittelneolithikum während der ersten Hälfte des 5. Jt. v.Chr. fort.

Beim maschinellen Oberbodenabtrag kamen im östlichen Teil der Grabungsfläche 2017 in Altdorf einige dunkle Verfärbungen zum Vorschein, die als Reste derartiger neolithischer Langhäuser zu interpretieren waren (Abb. 9). Wie sich beim Nachputzen der Fläche per Hand zeigte, handelt es sich offenbar um zwei sich überlappende, also zeitlich nacheinander errichtete Gebäude. Schnell deutete sich an, dass der nordöstlicher gelegene Graben Befund 29 den benachbarten Graben Befund 27 überschneidet und damit eindeutig jünger einzustufen ist (Abb. 10). Diese erste Einschätzung wurde später durch die in diesem Bereich angelegten Profilschnitte bestätigt. Daher wurde für Befund 27 die Bezeichnung Gebäude 1, für Befund 29 die Bezeichnung Gebäude 2 vergeben (Abb. 12).

Zu Gebäude 1 gehörten offensichtlich auch die in gleicher Orientierung verlaufenden Gräben Befund 36 und Befund 24, außerdem kann die längliche Grube Befund 45, die entlang des westlichen Wandgrabens liegt, wohl auch diesem Hausgrundriss zugeordnet werden. Vermutlich handelt es sich hierbei um eine sogenannte hausbegleitende Grube, aus der man zunächst Material zum Verputzen der Hauswände entnommen hatte und die danach mit Abfall und anderen Dingen wieder verfüllt worden war. Der Längsgraben Befund 24 war im südlichen Bereich orangerot verfärbt, was auf große Hitzeeinwirkung, vermutlich in Folge eines Brandes, zurückzuführen ist. Auch die aus diesem Bereich geborgene Keramik wies deutliche Anzeichen entsprechender Hitzeeinwirkung auf. Dies lässt darauf schließen, dass zumindest ein Teil von Gebäude 1 einem Brand zum Opfer fiel. Denkbar wäre, dass das Haus daraufhin aufgegeben wurde. Später wurde dann an nur leicht verändertem Standort Gebäude 2 errichtet.

Gebäude 2 besteht hauptsächlich aus dem Graben Befund 29, der den nordwestlichen Abschluss eines Langhauses bildet. Eventuell lässt sich auch eine knapp einen Meter östlich parallel zum Wandgraben verlaufende Reihe aus elf Pfostenstellungen diesem Gebäuden zuordnen. Ähnliche Pfostenreihen an den Außenseiten von Wandgräben weisen auch andere mittelneolithische Hausgrundrisse aus Niederbayern und der südlichen Oberpfalz auf (Abb. 11). Zeitgleich könnte auch der mehrere Meter westlich beider Grundrisse in gleicher Ausrichtung quer über die gesamte Grabungsfläche verlaufende Graben Befund 47 sein, doch lässt sich dies nicht mit Sicherheit nachweisen. Eine Innenbebauung der Häuser mit Pfostenstellungen ließ sich kaum feststellen. Dies und die meist sehr geringe Tiefe der Wandgräben belegen die erhebliche Erosion, welche an diesem leicht zum Flusstal der Isar hin geneigten Hang wirkt.

Wie groß der zeitliche Unterschied zwischen der Errichtung der beiden Gebäude war, bleibt ungeklärt. Die Wandgräben enthielten nur wenige verzierte Keramikscherben. Aufgrund dieser Funde und dem gesamten Erscheinungsbild der Hausgrundrisse kann aber eine Datierung innerhalb des Mittelneolithikums als gesichert gelten. Damit ergäbe sich auch eine zeitliche Nähe zu den in der Nähe aufgefundenen Skelettresten.

Im südöstlichen Bereich der Grabungsfläche konnten während des Oberbodenabtrags die Überreste von zwei menschlichen Individuen aufgedeckt werden. Beide Skelette lagen in ungewöhnlicher Körperstellung in einer flachen, ovalen Grube auf sehr hohem Niveau direkt an der Humusauflage und waren durch rezente landwirtschaftliche Tätigkeiten zum Teil bereits deutlich beschädigt worden (Abb. 13-14).

Individuum 1 befand sich in Bauchlage, mit der Körpermitte leicht nach außen gebogen nahe an der nordwestlichen Grubengrenze der Grube Befund 2 mit einer ungefähren Ausrichtung von Nordnordost (Schädel) nach Süden (Füße). Wie die anthropologische Auswertung ergab handelt es sich um einen etwa 1,64 m großen, adulten Mann (Sterbealter ca. 20-40 Jahre). Der Schädel, dessen obere Hälfte komplett fehlte und vermutlich abgepflügt worden war, war auf die linke Körperseite gewandt und relativ weit in den Nacken gelegt (Blickrichtung etwa Richtung Norden). Die Beine waren im Bereich der Oberschenkel fast parallel zueinander, die Füße im Bereich der Knöcheln eng zusammen gelegt, der linke Fuß über dem Rechten lagernd. Der linke Arm war angewinkelt, der Unterarm parallel zum Oberkörper eng anliegend nach oben gelegt. Der recht Arme lag unter dem Brustbereich und konnte erst nach Wegnahme der Rippen durch die Anlage eines neuen Planums dokumentiert werden (Abb. 15). Es zeigte sich, dass der rechte Oberarm unter dem rechten Brustkorb leicht schräg nach unten, der Unterarm beinahe rechtwinklig dazu quer unter der Wirbelsäule und dem Bauchbereich lag. Arm- und Beinknochen des Skelettes wiesen deutliche Anzeichen einer starken Muskulatur auf. Die so genannten Hockerfacetten an den Schienbeinen lassen darauf schließen, dass der Mann häufig eine hockende Position eingenommen hatte. Zudem ließen sich Anzeichen für eine mögliche Anämie, Parodontose und eine altersbedingte Arthrose an den Händen feststellen.

Individuum 2 befand sich direkt daneben in Rückenlage mit einer Ausrichtung von Nordnordost (Schädelbereich) nach Südsüdwest (Fußbereich). Hierbei handelt es sich um eine nicht erwachsene Person (Sterbealter 10-13 Jahre) vermutlich weiblichen Geschlechts. Aufgrund des etwas höheren Niveaus und der geringeren Robustheit der Knochen war dieses Skelett bedeutend schlechter erhalten als das von Individuum 1. Vom Schädel waren nur wenige kleine Fragmente übrig geblieben, Hände und Füße fehlten weitgehend. Die Ober- und Unterschenkelknochen waren leicht nach außen gerichtet, der rechte Oberarm fand sich etwa parallel zum Oberkörper, der Unterarm war leicht nach innen abgewinkelt. Die zum Teil nicht mehr vorhandenen, zum Teil auch durch die Einwirkungen des Pfluges verschobenen Knochen der rechten Hand befanden sich ursprünglich wohl im Bereich der Hüfte bzw. des oberen Teils des Oberschenkels. Der linke Arm war über dem Kopf nach oben abgelegt worden, der Oberarm parallel zum kaum mehr vorhandenen Schädel, der Unterarm etwa im 45-Grad-Winkel nach innen eingebogen. Auch dies stellt keine „klassische“ Bestattungshaltung dar. Aufgrund dieser Lage des Skeletts entstand bei den Ausgräbern beinahe der Eindruck, die Tote sei rücklings in die Grube gestürzt bzw. gestoßen worden. Die anthropologische Untersuchung ergab, dass auch bei Individuum 2 zum Zeitpunkt des Todes eine Anämie oder eine Infektionskrankheit vorlag. Ob es sich hierbei um die gleiche Krankheit wie bei Individuum 1 handelte und welche Folgen diese für die beiden Personen hatte, lässt sich jedoch nicht klären.

Überraschend fanden sich während der anthropologischen Untersuchung des Skelettmaterials aus Grube 2 vereinzelt auch Knochen eines dritten Individuums. Dies lässt vermuten, dass eine ursprünglich vorhandene dritte Bestattung bereits den üblichen Erosionserscheinungen oder dem Pflug zum Opfer gefallen sein dürfte. Leider ist das zutreffende Knochenmaterial schlecht erhalten. Daher ließ sich nicht klären, ob es sich um eine heranwachsende Person unbestimmten Geschlechts oder um eine erwachsene Frau handelt.

Keramikgefäße oder andere Beigaben waren nicht vorhanden. Es fanden sich lediglich einzelne Tonscherben in der Verfüllung der Grube. Der schlechte Erhaltungszustand und die stark abgeriebenen Oberflächen und Bruchstellen lassen darauf schließen, dass es sich um mehrfach umgelagertes Fundmaterial handelt. Die auf einer Scherbe vorhandenen Ritzverzierungen sind ebenfalls stark verschwommen, lassen sich aber in den Bereich des Mittelneolithikums einordnen. Diese Zeitstellung wurde durch die an Knochenmaterial beider Skelette durchgeführten 14C-Beprobungen bestätigt. Demnach ergab sich für Individuum 1 ein Datum von 4686-4593 v.Chr., für Individuum 2 ein Datum von 4705-4616 v.Chr. Der archäologische Befund lässt keinen Zweifel daran, dass beide Individuen zur gleichen Zeit in der Grube Befund 2 niedergelegt worden waren. Dies dürfte nach Ausweis der gut übereinstimmenden 14C-Daten etwa zwischen 4700 und 4600 v.Chr. geschehen sein, also zur Zeit der Gruppe Oberlauterbach.

Obwohl sich der Forschungsstand in den letzten Jahren bedeutend verbessert hat, liegen gemessen an der mehrhundertjährigen Dauer des Mittelneolithikums in Südostbayern bisher nur relativ wenige Bestattungen vor (Eibl 2011). Neben regulären Bestattungen in geordneter Totenlage in eigens dafür angelegten Grabgruben sind während dieses Zeitraumes auch Skelettfunde in ungewöhnlicher Lage aus Siedlungsgruben bekannt. Zu dieser Gruppe gehören auch die beiden Individuen aus Befund 2. Die Hintergründe dieser besonderen Bestattungsform sind bisher allerdings noch ungeklärt.

Zuletzt sind noch einige Funde zu erwähnen, welche die weitreichenden Beziehungen der Grabungsstelle zu anderen Regionen beleuchten. Erste Belege für Fernbeziehungen wurden bereits in der Kampagne 2016 in Form einer mehrfarbigen Keramikscherbe und einer kleinen Kupferperle entdeckt. Auch bei den Grabungen des Jahres 2017 konnten mehrere Keramikfragmente geborgen werden, die als Importe in die Altdorfer Siedlung zu interpretieren sind.

Die Befunde 30, 32 und 41 enthielten neben der lokal üblichen, meist graubraunen Keramik auch dünne Scherben aus orangerot gebranntem Ton, die an der Außenseite noch Reste von Bemalung aufwiesen (Abb. 16). Bei den besser erhaltenen Stücken zeigte sich, dass es sich um eine bichrome Bemalung handelte: auf einer dunkelroten Grundierung wurden in weißlicher Farbe geometrische Ornamente aufgetragen. Warenart und Art der Bemalung weisen nach Osten bzw. Südosten in den böhmisch-mährischen bzw. ostösterreichischen Raum (Palliardi 1897). Dort ist während des 5. Jt. v.Chr. eine Variante der neolithischen Lengyel-Kultur verbreitet, die als Mährisch-Ostösterreichische Gruppe der Bemaltkeramik (MOG) bezeichnet wurde (Abb. 17). Nach bisherigem Kenntnisstand kann die zweifarbig bemalte Keramik als typisch für die Stufe IIa dieser Kulturgruppe gelten (Stadler/Ruttkay 2007). In absoluten Daten käme hierfür maximal der Zeitraum von etwa 4550 bis 4350 v.Chr. in Frage (Stadler 2006). Funde derartiger Keramik stellen in Bayern nach wie vor eine große Seltenheit dar und sind mit großer Sicherheit als Importe zu betrachten.

Die lokalen Keramikfunde aus den Befunden 30 und 41 sind leider nicht sehr aussagekräftig und tragen wenig zur Datierung der Importe bei. Befund 32 überschneidet den zu Gebäude 1 gehörenden Graben Befund 27 und ist dementsprechend später zu datieren. Diese Grube enthielt neben zahlreichen Tierknochen (darunter Teile eines Hirschgeweihs, den Unterkiefer eines Schweines und mehrere weitgehend erhaltene Skelette kleinerer Säugetiere) offenbar Keramikscherben unterschiedlicher Herkunft und Zeitstellung. Neben einigen bemalten Scherben der MOG IIa fanden sich auch Stücke, die der örtlichen Münchshöfener Kultur zuzurechnen sind (Abb. 18). Aufgrund der Verzierungen und der sogenannten Arkadenränder können derartige Funde dem späteren Abschnitt der Münchshöfener Kultur (etwa 4000-3800 v.Chr.) zugeordnet werden (Eibl/Koch 2010) und wären damit erheblich jünger als die bemalte Keramik aus dem gleichen Befund.

Außerdem fanden sich in Befund 32 auch mehrere Fragmente einer dünnwandigen, dunkelgrauen Ware mit geglätteter Oberfläche und feinen geometrischen Ritzverzierungen, die mit einem weißen Material inkrustiert waren (Abb. 19). Diese von der lokalen Keramik gut zu unterscheidende Ware ist charakteristisch für die Pollinger Kultur (Tillmann 1997), die vor allem in der südlichen Oberpfalz verbreitet ist und in anderen Teilen Bayerns nur selten vorkommt (Abb. 20). Auch hier handelt es sich also offenbar um Importe vor Ort, die allerdings einen anderen geographischen Bezug und auch eine jüngere Zeitstellung aufweisen als die Funde der Mährisch-Ostösterreichischen Bemaltkeramik. Damit wird die überregionale Bedeutung der seit 2016 untersuchten neolithischen Siedlung erneut eindrucksvoll belegt.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die jungsteinzeitliche Siedlung am östlichen Ortsrand von Altdorf während ihres gut tausendjährigen Bestehens eine Vielzahl interessanter Aspekte in sich vereinigt. Neben mittelneolithischen Langhäusern belegen zahlreiche Gruben mit entsprechenden Keramikfunden in der ersten Hälfte des 5. Jt. v.Chr. eine rege Siedlungstätigkeit vor Ort. Wie die Doppelbestattung zweier menschlicher Individuen in einer flachen Siedlungsgrube zu interpretieren ist, bleibt unklar.

Während der anschließenden Münchshöfener Kultur existierte weiterhin eine größere Siedlung, die aber nur indirekt durch die aufgelassenen Kellergruben mit verziegeltem Wandverputz nachzuweisen ist. In dieser Zeit war der Ort offensichtlich in ein System mit überregionalen Beziehungen eingebunden, wie Importe aus verschiedenen Regionen zeigen. Trotz der erfolgreichen Grabungskampagne 2017 bleiben immer noch zahlreiche Fragen offen. So bleibt zu hoffen, dass die Ausgrabungen an dieser Fundstelle auch in den kommenden Jahren fortgesetzt werden können, um den derzeitigen Forschungsstand weiter auszubauen und die bisherigen Ergebnisse auf eine sichere Basis stellen zu können.

Literaturhinweise

Adaileh/Piller 2017
A. Adaileh, C.K. Piller: Kupferröhrchen und „Hirschknochenlager“ - Fundreiche Münchshöfener Gruben in Altdorf, Das Archäologische Jahr in Bayern 2016, Stuttgart 2017, 23-25.

Adaileh/Piller 2018
A. Adaileh, C.K. Piller: Aktivurlaub und neolithische Fernbeziehungen in Altdorf, Das Archäologische Jahr in Bayern 2017, Stuttgart 2018, 19-22.

Bayerlein 1985
P. M. Bayerlein: Die Gruppe Oberlauterbach in Niederbayern. Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Abteilung Bodendenkmalpflege. Materialhefte zur Bayerischen Vorgeschichte A 53. Kallmünz 1985.

Eibl/Koch 2010

F. Eibl, H. Koch: Neue Befunde der Münchshöfener Kultur aus Tiefenbach, Das Archäologische Jahr in Bayern 2009, Stuttgart 2010, 23-26.

Eibl 2011

F. Eibl: Die Bayerische Gruppe der Stichbandkeramik und die Gruppe Oberlauterbach – zum Stand der Forschung. Fines Transire 20, 2011, 79-100.

 

Engelhardt/Riedhammer/Suhrbier 2006
B. Engelhardt, K. Riedhammer, S. Suhrbier: Mittelneolithikum – eine neue Zeit mit alten Wurzeln. Archäologie in Bayern, Fenster zur Vergangenheit. Regensburg 2006, 65-75.

Palliardi 1897
J. Palliardi: Die neolitischen Ansiedelungen mit bemalter Keramik in Mähren und in Niederösterreich. - Mittheilungen d. Praehistorschen Commission d. keiserlichen Akademie d. Wissenscheften in Wien, I Band, Nro. 4, 1897, 237-264.

Riedhammer 2016
K. Riedhammer: Zwischen Großgartach, Stichbandkeramik und Mährisch Bemalter Keramik. In: J. Kovarnik et al., Centenary of Jaroslav Palliardi‘s Neolithic and Aeneolithic Relative Chronology (1914-2014). Usti nad Orlici 2016, 127-148.

Stadler 2006
P. Stadler et al.: Absolutchronologie der Mährisch-Ostösterreichischen Gruppe (MOG) der bemalten Keramik aufgrund von neuen 14C-Datierungen. Archäologie Österreichs 16/17, Sonderausgabe 2005/2006, 53-67.

Stadler/Ruttkay 2007
P. Stadler, I. Ruttkay: Absolute Chronology of the Moravian-Eastern-Austrian Group (MOG) of the Painted Pottery (Lengyel-Culture) based on new Radiocarbon Dates from Austria, in: J.K. Kozlowski/P. Raczky (Hrsg.), The Lengyel, Polgar and Related Cultures in the Middle/Late Neolithic in Central Europe, Krakau 2007, 117-146.

Tillmann 1997
A. Tillmann: Eine Doppelkreisgrabenanlage der Pollinger Kultur aus Riekofen, Lkr. Regensburg. Beiträge zur Archäologie der Oberpfalz 1, 1997, 123-129.

 
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